Zur Geschichte der Aussiedler und Spätaussiedler seit 1950

Von 1950 an bis heute wanderten etwa 4,6 Millionen Menschen im Rahmen des Aussiedler-/Spätaussiedlerzuzugs nach Deutschland ein, zweieinhalb Millionen von ihnen seit 1990. In der Forschung unterteilt man die Geschichte der deutschen Aussiedlermigration in vier Phasen. Jede dieser Phasen unterscheidet sich im Hinblick auf die betroffenen Personengruppen wie auf die Aus- und Einreiseregelungen der beteiligten Staaten (insbesondere die ehemalige Sowjetunion und Polen).


Die Bezeichnung „Aussiedler“ bzw. seit 1993 „Spätaussiedler“ ist keine Selbstbeschreibung jener Menschengruppen, die seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland (und auch der DDR) als Auslandsdeutsche legal ins Land gekommen sind. Die Bezeichnungen beinhalten auch nicht die Herausforderungen ihres Ankommens und Einlebens, ihrer Aufnahme und ihrer Integration in Deutschland. Sie beinhalten vielmehr die Aspekte ihres Abwanderns und ihres Loslassens, ihres Abschiednehmens und vor allem ihrer Emigration im rechtlichen Kontext, nicht nur im sozialen. Weggehen und Ankommen sind für die Aussiedler lange Prozesse und komplizierte Entscheidungsfindungen, Phasen voller Sehnsucht und Unsicherheit, voller Zweifel und Anfechtungen, zwischen den Polen von sozialem Neid dort und sozialer Missgunst hier. Jenseits ihrer jeweiligen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und familiären Situation waren und sind die Aussiedler stets auch Bildformungsprozessen ausgesetzt, von Zugeständnissen, Zuwendungen und Zuschreibungen abhängig. Die aktivische Form des Aussiedelns bedurfte der Überwindung etlicher Hürden, bevor man von der alten Heimat in die neue Heimat gelangte. Wie „aktiv“ waren sie und konnten sie sein in diesem Übergang, in der langen, teilweise nicht enden wollenden transitorischen Phase? Konnten die Aussiedler als Subjekte handeln oder waren sie Objekte politischer Großwetterlagen und staatlicher Rahmenbedingungen? Wann und wie konnten sie die Herrschaft über ihr eigenes Leben erlangen und selbständig handeln? Enden die politischen und gesellschaftlichen Stigmatisierungen und Zuschreibungen hüben wie drüben für sie? Wann werden sie nicht mehr als gesellschaftliche Sondergruppe der „Aussiedler“ wahrgenommen, sondern aufgrund ihrer sozialen Interaktionen als „Nachbarn“, „Kunden“, „Gemeindeglieder“ und/oder „Kollegen“? Und was bedeutet, vor dem Hintergrund ihrer Geschichte, eigentlich Heimat für sie? Gesteht man ihnen ihre eigene Geschichte zu, ihre Traditionen, Religiösität und Kultur? Unterstützt man sie im Mündigwerden und Erzählen ihrer Geschichte? Befragt man sie, und hört man ihnen zu? Nimmt man sie als Gewinn und nicht als Belastung an und wahr? – Aussiedlung, Auswanderung, Emigration geschehen in den seltensten Fällen aus Abenteuerlust und Reisefieber. Sie geschahen und geschehen – sofern nicht Krieg und Vertreibung direkte Auslöser dafür sind – aus Notlagen heraus – aus struktureller Not, aus systematischer Ausgrenzung und Unterdrückung, aufgrund wirtschaftlicher Engpässe und Krisen. Sie geschehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, frei von den bisherigen Bedrängnissen. Die vielfältige Gruppe der „Aussiedler“ unterscheidet sich in diesen Gesichtspunkten nicht von anderen „Migranten“ in der Geschichte. Sie war lediglich in zwei Voraussetzungen allen anderen gegenüber privilegiert: Ihr stand die deutsche Staatsbürgerschaft zu, und sie beherrschte – größtenteils und vor allem bis in die 1970er Jahre – die deutsche Sprache. Doch in Bezug auf das Leben in der alten Heimat und auf die Integration in der neuen Heimat sind viele subjektive Erfahrungen und Lebensgeschichten der Menschen mit Migrationshintergrund vergleichbar. Soziale Integration bedeutet daher stets auch die Bereitschaft zur Erweiterung des vorhandenen und vorherrschenden Geschichtsbildes.

 

Quelle:

Auszug aus einem Beitrag für den Katalog zur Ausstellung „Migration und Religionen im Ruhrgebiet“:

Norbert Friedrich/Traugott Jähnichen/Isolde Parussel (Hg.):
Neue Heimat finden – Auf Vielfalt vertrauen – Im Revier leben! Migration und Religionen im Ruhrgebiet,

Kamen 2019, ISBN 978-3-89991-214-2 (12,00 Euro).

 

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